Carlsen und Aronian mit Siegen zum Halbfinalauftakt

Firouzja und Keymer punkten ebenfalls

1.g2-g4! Hätte Henri Grob (1904-74) dem Halbfinalauftakt in WEISSENHAUS zugeschaut, ihm hätte gefallen, was er auf dem Brett von Magnus Carlsen sieht: seine Eröffnung! Was Carlsen auf seinem Partieformular eintrug, hätte dem IM und zweifachen Schachmeister der Schweiz sogar geschmeichelt. „Grob“ schrieb der Weltranglistenerste, nachdem er seinen ersten Zug g2-g4 ausgeführt hatte.

Magnus Carlsen, Levon Aronian, Alireza Firouzja und Vincent Keymer sind die Sieger des ersten Halbfinaltags. Nodirbek Abdusattorov (nach seiner ersten Niederlage im Turnier) und Fabiano Caruana müssen nun jeweils mit Weiß gegen Carlsen respektive Aronian gewinnen, um noch eine Chance aufs Finale zu haben. Ding Liren und Gukesh müssen gegen Firouzja respektive Keymer gewinnen, um noch das Match um Platz fünf erreichen zu können.

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Die Zuschauer im Stream und in den Big Barn Studios sahen vier sehr unterschiedliche Partien. Zwischen Aronian und Caruana entspann sich ein strategisches Ringen, das schon nach wenigen Zügen einer traditionellen Schachpartie glich. Irrational dagegen das Gefecht zwischen Carlsen und Abdusattorov, das in neuen Bahnen verlief. Dazu zwei Kurzsiege von Keymer und Firouzja, die veranschaulichen, wie leicht auch Supergroßmeistern eine 960-Partie aus der Eröffnung heraus entgleiten kann. Oder, um es mit Peter Leko zu sagen: „Die ersten fünf Züge sind die wichtigsten.“

Mitveranstalter Carlsen hat bei der minutiösen Planung des Events wahrscheinlich keinen Einfluss auf die Gestaltung der Partieformulare genommen. Jetzt hält er sich nicht damit auf zu rätseln, warum auf den Freestyle-Formularen eine Zeile für den Eröffnungsnamen frei ist. Er nutzt sie einfach, indem er Bauernstruktur und Figurenstellung auf seinem Brett mit bekannten Mustern abgleicht und dann das einträgt, was ihm am plausibelsten erscheint. Tatsächlich gab es im Lauf des Turniers auf den Schach960-Brettern schon Stonewalls zu sehen, ein London-System oder Damenbauernspiele.

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Gar nicht so weit entfernt von Schach 1, so scheint es: die Grundstellung des Tages.

Nun also Grob, überraschend, aber keine Sensation in einer Grundstellung, die mit dem Springer auf h1 den Doppelschritt des g-Bauern eher begünstigt als die traditionelle (Grobs Angriff, wie ihn sich Henri Grob vorgestellt hat, gilt heute als zweifelhaft). Trotzdem lag es nicht an der Eröffnung, dass Magnus Carlsen die Partie gewann und einen großen Schritt Richtung Finale gemacht hat. Im Gegenteil sogar.

Hätte Nodirbek Abdusattorov das „überenthusiastische“ (Carlsen) Bauernopfer des Norwegers im dritten Zug angenommen, es wäre nicht leicht geworden, die Berechtigung dieses Opfers nachzuweisen. Aber vielleicht war Carlsen wichtiger als die Kompensation auf dem Brett, dass er nicht länger von Levon Aronian verspottet wird?

Beim gemeinsamen Austausch von Ideen vor den Partien zieht Aronian den Exweltmeister seit Tagen damit auf, dass er seine 960-Ideen für untauglich hält. Nun, so ließ Carlsen in der Geständniskabine durchblicken, habe er eine Idee gespielt, die Aronian gefallen sollte. Aber noch mehr gefiel Aronian wahrscheinlich, was zum Halbfinalauftakt selbst spiele. Nach seinem Sieg über Fabiano Caruana hat auch Aronian das Finale im Blick.

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Wird Levon Aronian jetzt aufhören, Magnus Carlsen für seine chess960-Ideen zu verspotten? Foto: Maria Emelianova

Wann immer sich die Stimmen des Kommentatorentrios PeterLeko, Tania Sachdev und Niclas Huschenbeth senken, ist klar, auf wen sie nun zu sprechen kommen. Weltmeister Ding Liren ist nicht in bester Form, in bester Verfassung auch nicht, und das schlägt sich unverändert in den Ergebnissen nieder.

Als ihm diesmal schon in Zug 6 eine Figur abhandenkam, fühlte Leko mit dem Chinesen. „Der Arme“, sagte Leko. „Alle um ihn herum bekommen spielbare Stellungen, aber er läuft jedesmal in ein Minenfeld.“ Nach weniger als zwei Stunden gab sich Ding Alireza Firouzja geschlagen.

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Turnierdirektor Sebastian Siebrecht mit Ding Liren und dessen Mutter. Foto: Maria Emelianova

Schnell, zumindest der Zügezahl nach, war auch die Schlacht zwischen Gukesh und Vincent Keymer geschlagen. Nach 22 Zügen und bereits in verlorener Stellung erlag Gukesh einem hübschen Abzugsmotiv.

Magnus Carlsen vs Nodirbek Abdusattorov 1:0

Eine „komische Partie“ laut Magnus Carlsen, in der sich beide Kontrahenten lange nicht sicher waren, wie das einzuschätzen ist, was sie auf dem Brett angerichtet hatten. Allerdings war sich Magnus Carlsen sicher, dass sein Bauernopfer im dritten Zug nicht ideal war. Nur hatte er es da schon gespielt. Umso größer die Erleichterung, als Abdusattorov den dargebotenen Bauern nicht nahm.

Die beiderseitige Unsicherheit hielt an, bis Abdusattorov einen Damentausch anbot, eine gute Idee zwar, aber falsch ausgeführt. Carlsen: „Als die Damen vom Brett waren, wurde mir plötzlich klar, dass ich auf Gewinn stehe.“

Levon Aronian vs. Fabiano Caruana 1:0

Aronian hat schon oft zum Ausdruck gebracht, dass er ein großer Fan von Chess960 ist, und diese Freude, kombiniert mit dem Wechsel zu einer langen Zeitkontrolle, hat sich für ihn ausgezahlt. Nach einem ausgezeichneten Sieg gestern gegen Keymer besiegte der amerikanisch-armenische Großmeister heute Caruana in einer weiteren guten Partie mit den weißen Figuren.

In den 10 Minuten vor der Partie analysierte Aronian zusammen mit Ding die Ausgangsstellung. Sie betrachteten hauptsächlich 1.d4, aber am Brett wählte er stattdessen 1.e4. Nach seinem zweiten Zug begann Caruana nachzudenken. „Ich ging hin und sah, dass Magnus 1.g4 spielte“, sagte Aronian. „Dann habe ich mir irgendwie gesagt, OK, die Stellung ist voller Überraschungen, ich sollte aufpassen.“

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Ding Liren und Levon Aronian hatten sich vor allem 1.d4 angeschaut. | Foto: Maria Emelianova

Aronian betrat die Beichtkabine heute nicht nur einmal, sondern zweimal, das zweite Mal, nachdem er gerade das Läuferpaar gewonnen hatte. „Ich mag meine Stellung, sie sollte wegen der Läufer ein bisschen besser sein“, sagte er. „Wenn er es schafft, seine Figuren zu entwickeln und mir nicht erlaubt, sein Zentrum anzugreifen, dann sollte es für Schwarz in Ordnung sein, aber wenn er das nicht tut, sollte es eine recht angenehme Stellung für mich sein.“

Weiß‘ Vorteil war nicht ernsthaft, bis Caruana im 17. Zug darauf verzichtete, die Läufer zu tauschen. Das ermöglichte es Weiß, die schwarzen Figuren von jeglicher Aktion am Damenflügel fernzuhalten und selbst Raum am Königsflügel zu gewinnen. Im 35. Zug war ein weißer Bauer bis nach g6 vorgedrungen und legte den schwarzen König lahm.

Als noch 25 Sekunden auf dem Brett waren, machte Caruana sofort seinen 39. Zug, aber wie sich herausstellte, war es das falsche Feld für die Dame. Danach sah das Endspiel bald verloren aus, auch in den Augen von Carlsen: „Ich glaube, Levon gewinnt. Ich denke, irgendwann wird c5 kommen. Das Brett ist einfach viel zu groß, also wird es nie ein Dauerschach geben, also ist Fabis einzige Chance, den g-Bauern zu bewegen, aber ich sehe nicht, dass das passiert.“

Der d-Bauer von Weiß war tatsächlich der entscheidende Faktor, und im 62. Zug war es vorbei. „Ich bin mit meiner bisherigen Leistung sehr zufrieden“, kommentierte Aronian. „Vielleicht passt Chess960 zu meinem Stil!“

Kommentator Peter Leko wies darauf hin, dass dies die allererste klassische Partie war, in der es ein faszinierendes Endspiel gab. Der ungarische Ex-Weltmeister merkte an, dass es „fast ein Wunder war, weil man so viele Dinge überleben muss, um dorthin zu gelangen.“ Aronian stimmte dem zu und sagte: „Die Stellungen sind so interessant und so seltsam, dass es eine wahre Freude ist.“

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Magnus Carlsen schaut vorbei. Foto: Maria Emelianova

Gukesh vs. Vincent Keymer 0:1

Nachdem Keymer aus dem Kampf um die ersten vier Plätze ausgeschieden war, begann er den Kampf um Platz fünf mit einem guten Sieg gegen Gukesh. Hinterher sagte die deutsche Nummer eins, dass es für ihn keinen großen Unterschied gemacht habe: „Nicht wirklich, nein. Natürlich bin ich sehr motiviert, weil ich das Gefühl habe, dass ich bisher im ganzen Turnier nur einen schlechten Tag hatte und das hat mich sofort in die Verliererrunde geworfen. Also, ja, ich werde sicherlich versuchen, die verbleibenden Partien zu gewinnen, aber ich denke, das gilt auch für alle anderen.“

Obwohl die Stellung der klassischen Ausgangsstellung am nächsten kam, war sie nicht einfacher als andere Chess960-Stellungen, sagte Keymer: „Nein, es war eigentlich sehr schwierig, denn im Grunde genommen waren beide Seiten sehr bereit, das Zentrum zu besetzen, so dass alle Felder e4, d4, e5, d5 schon ziemlich leicht zu kontrollieren waren. Es war also irgendwie seltsam, dass beide Seiten die Möglichkeit hatten, e4 und d4 mehr oder weniger sofort zu spielen, was es sehr schwierig machte.“

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„Ich bin sehr motiviert, weil ich das Gefühl habe, dass ich in diesem ganzen Turnier bisher nur einen schlechten Tag hatte.“ Foto: Maria Emelianova.

Keymer dachte, dass seine beste Chance darin bestand, symmetrisches Spiel zu wählen. „Als er 5.Nb3 spielte, war ich ein wenig überrascht, denn für mich machte es mehr Sinn, den Springer auf d6 zu stellen, um mehr Druck auf das Zentrum auszuüben, aber natürlich war diese Idee mit dem Springer auf f5 sehr interessant. Zuerst war ich nicht so glücklich, aber ich denke, nach 6…Nc4 werde ich zumindest ein sehr kompliziertes Spiel bekommen.“

Bereits im siebten Zug machte Gukesh einen Fehler, so Keymer: „Zu diesem Zeitpunkt bin ich mir ziemlich sicher, dass er nicht schlechter stehen kann, vielleicht steht er sogar besser, aber ich hatte das Gefühl, dass 7.Qc3 ein wirklich falscher Zug sein sollte, einfach weil er im Grunde seinen eigenen Läufer auf b1 einschließt und das erwies sich als ein großes Problem.“

Der wirkliche, große Fehler von Gukesh kam erst im 10. Zug, als er sich entschloss, seinen f5-Springer gegen den c4-Springer von Schwarz zu tauschen. Wahrscheinlich unterschätzte er eine Damenmanöver von Keymer, woraufhin die Taktik zu Gunsten von Schwarz ausschlug. Danach war die Partie erstaunlich schnell vorbei.

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Gukesh einmal mehr mit Schwierigkeiten, die Eröffnung zu überstehen. Foto: Maria Emelianova

Ding Liren vs. Alireza Firouzja 0:1

Die Leiden des Ding Liren nehmen kein Ende. Wieder missriet ihm die Eröffnung, trotzdem versuchte er konsequent und aggressiv weiterzuspielen, nur um festzustellen, dass sich sein nach h5 ausgesandter Springer in eine Falle begeben hat. Im Prinzip war die Partie nach sechs Zügen vorbei, auch wenn der Weltmeister sein Möglichstes versuchte, Chancen zu kreieren.

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Ding Liren und Alireza Firouzja spielten 26 Züge, aber nach 6 Zügen war es schon fast vorbei. Foto: Maria Emelianova

Firouzja gab nicht allzu viel darauf, den Weltmeister mit Schwarz besiegt zu haben. Offensichtlich sei Ding Liren außer Form, erklärte er im Interview. Auch seine eigene Leistung fand er nicht besonders. „Ich habe einfach die logischen Züge gespielt.“

Von Peter Doggers und Conrad Schormann

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