Drei Könige und ein Bube im Halbfinale

Carlsen, Caruana, Aronian und Abdusattorov spielen um den Turniersieg

Magnus Carlsen, Fabiano Caruana, Levon Aronian und Nodirbek Abdusattorov stehen im Halbfinale der WEISSENHAUS Freestyle Chess G.O.A.T. Challenge. Während Caruana, Aronian und Abdusattorov zwei klassische Partien genügten, um sich durchzusetzen, musste Carlsen ins Stechen gegen Alireza Firouzja. Er gewann beide Schnellpartien.

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Firouzja, Gukesh, Vincent Keymer und Ding Liren bleiben im Turnier. Nach ihren Viertelfinal-Auftaktniederlagen spielen sie die Plätze fünf bis acht aus. Damit hat sich die Vorrunden-Prognose, die Buben könnten jetzt schon die wahren Könige sein, nicht bestätigt. Drei der vier Routiniers spielen im Halbfinale um den Turniersieg, dazu kommt einer der Nachwuchsspieler. Der allerdings wird ein gehöriges Wort mitsprechen.

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Die Paarungen für Dienstag.

Ding Liren vs. Nodirbek Abdusattorov

Die Grundstellungen mögen zufällig sein, das Klassement des Schnellturniers war es überhaupt nicht. Nach vier Spieltagen ist Abdusattorov der Spieler, der das beste Schach gezeigt hat (sagt Carlsen!), während Ding immer noch hoffnungslos außer Form ist. Das zeigte sich auch in ihrer zweiten klassischen Partie, obwohl der chinesische Großmeister diesmal einen halben Punkt holte.

Die ersten Züge der Partie verliefen ähnlich wie bei Carlsen-Firouzja, aber schon bald begann Ding, Ungenauigkeiten zu begehen. Er ließ zu, dass sein Gegner ein Bauernzentrum aufbaute, und als einer dieser Bauern die Mitte des Schachbretts passierte, geriet Ding recht früh in ernsthafte Schwierigkeiten. Nur durch einen Ausrutscher von Abdusattorov im 17. Zug konnte Ding ein ausgeglichenes Endspiel erreichen, was in der Situation, in der er gewinnen musste, nicht ausreichte.

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Für Weltmeister Ding Liren reichte ein halber Punkt nicht aus. Nodirbek Abdusattorov steht im Halbfinale. Foto: Lennart Ootes

Abdusattorov erwartete zu viel von 17…c5: „Ich dachte, ich hätte dort eine gefährliche Taktik, aber nachdem er auf c5 spielte, dachte ich eine Weile nach, aber ich konnte nichts Besonderes finden. Also entschied ich mich einfach für ein Endspiel und ein Remis.“

„Spielen und die Zeit genießen.“ (Nodirbek Abdusattorov)

Nach der Partie sagte Abdusattorov, dass er sich während dieser Veranstaltung nicht vorbereitet, und auch nicht vorher: „Zunächst einmal wollte ich mich nach Wijk aan Zee erholen. Ich hatte etwas mehr als eine Woche Zeit, also habe ich mich ausgeruht und bin nur hierher gekommen, um zu spielen und die Zeit zu genießen.“

Magnus Carlsen vs. Alireza Firouzja

Nach der Auftaktniederlage gelang Magnus Carlsen in der zweiten klassischen Partie ein überzeugendes Comeback. Firouzja folgte seinen Vorlagen acht Züge lang, erst dann löste sich die Symmetrie auf – und die auf der e-Linie aufgereihten acht Figuren. Dafür entschuldigte sich Carlsen bei „allen Ästhetikfans unter den Zuschauern“, nachdem er noch in der Eröffnung die Beichtkabine betreten hatte.

Angesichts des weißen Vorteils rettete sich Firouzja in ein Endspiel, das er trotz ruinierter Struktur und passiver Figuren zu halten hoffte. Diese Hoffnung erfüllte sich nicht. Damit stand es 1:1 nach den klassischen Partien.

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Alireza Firouzja kann auf eine gewonnene klassische 960er-Partie gegen Magnus Carlsen zurückblicken. Der G.O.A.T. zieht jedoch ins Halbfinale ein. Foto: Maria Emelianova

Die erste Partie des ersten Stechens im WEISSENHAUS riss zunächst Firouzja an sich. Bis ins Endspiel erfreute er sich einer Mehrqualität, aber brachte nie Carlsens Gegenspiel vollständig unter Kontrolle. Schließlich wendete sich das Geschehen, und Carlsen kam zu einem weiteren typischen Carlsen-Endspielsieg, an dessen Ende sich ein weißer Springer im schwarzen Lager verlaufen hatte.

Als Carlsens Puls erstmals die 100-Marke überschritt

In der zweiten musste nun Firouzja gewinnen, um das Match auszugleichen und zwei Blitzpartien zu erzwingen. Aber es ergab sich früh ein Spiel auf ein Tor – in dem Firouzja zwar gedrückt stand aber anfangs standhielt.

Mit schließlich nur noch einer Minute auf der Uhr (gegen 3:30 auf Seiten Firouzjas) überschritt Carlsens Puls zum ersten Mal im Turnier die 100er-Schwelle. Einen taktischen Wackler hätte Firouzja ausnutzen können: 27.Db3??, gespielt mit 3 Sekunden auf der Uhr. Als diese Chance verstrichen war, bekam Firouzja keine weitere mehr.

Levon Aronian vs. Vincent Keymer

Levon Aronian steht im Halbfinale. Mit einem 20-zügigen Glanzsieg über Vincent Keymer sicherte er sich den 1,5:0,5-Sieg im Minimatch gegen die deutsche Nummer eins. Wahscheinlich hatte Aronian die Essenz der Grundstellung diesmal besser verstanden als sein Gegner: „Die Dame zu aktivieren, ist der Punkt dieser Stellung“, erklärte Aronian nach der Partie.

Eigentlich war es Keymer gewesen, der schon am ersten Tag auf genau dieses 960-Gesetz hingewiesen hatte: Wege finden, die Dame in die Partie zu bringen, und sie keinesfalls hinter einer starren Bauernphalanx versauern lassen. Aber genau das passierte ihm gegen Aronian, der nach der Eröffnung gefühlt mit einer Mehrdame agierte.

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Levon Aronian kommt weiter, Vincent Keymer spielt um Platz fünf, Chefschiedsrichter Gregor Johann sammelt die Blätter ein. Foto: Maria Emelianova

Vincent Keymer spielt nach einem starken Turnier im Turnierbaum um Platz 5 weiter. Nach einer überzeugenden Vorrunde mit 5/7 und einer ersten Matchpartie mit Gewinnchancen ereilte ihn das plötzliche Aus gegen den Vorrundensiebten in der zweiten Matchpartie. „Daran sehen wir, wie heikel dieses Turniersystem ist. Eine schlechte Partie, und du bist draußen“, erklärte Keymers Coach Peter Leko, der sich als Kommentator redlich, aber nicht immer erfolgreich bemühte, neutral zu bleiben.

Gukesh vs. Fabiano Caruana

 

Nach dem Auf und Ab am Vortag spielte Caruana dieses Mal eine sehr überzeugende Partie, die er vielleicht gewonnen hätte, wenn Gukesh nicht in einer schlechten Stellung ein Remis angeboten hätte. Aber ein halber Punkt reichte dem amerikanischen Großmeister, um weiterzukommen, und so willigte er heute gerne ein, den Punkt zu teilen.

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Gukesh bot in einer schlechteren Stellung ein Remis an. Fabiano Caruana nahm an – und kommt weiter. Foto: Maria Emelianova

Es sieht aus, als ob Gukeshs vierter Zug bereits etwas zweifelhaft war, wonach Schwarz das Zentrum gut unter Kontrolle bekam. Nach seiner Rochade stand Caruana bereits in einer natürlich aussehenden Stellung, während die Figuren seines Gegners keine großen Felder besetzten. In der Folge hatte Gukesh keine Chance mehr, wieder ins Spiel zu kommen.

Von Peter Doggers und Conrad Schormann

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